Freitag, 12. Mai 2017

gesehen - Manche denken anders, die USA verstehen lernen

Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Business zu gründen ist wohl nirgendwo so einfach, so normal wie in den USA. Es gibt viele Unterschiede zu Europa. Einer davon ist wohl auch das, was man entfernt als Selbstständigkeit und Eigenverantwortung verstehen kann. In den Vereinigten Staaten ist jeder zu 100% für sich selber verantwortlich. Auch und vor allem, wenn es um die Gesundheit und die Krankenversicherung geht.

Es gab, bis Obamacare, keinerlei Grundversicherung. Wer sich nicht selber versichert hat, war schlicht nicht versichert. Er wurde zwar in einem Notfall behandelt, aber jedwede weiterführende Betreuung war selber zu bezahlen. Und wer das Geld nicht hatte, tja, da ist dann wohl auch der eine oder die andere gestorben.

Zur Zeit bewegt sich da aber einiges. Ich kann nicht genau erklären was genau passiert, aber es ist zumindest interessant zuzusehen. Durch Obamacare haben die Menschen begonnen umzudenken. Viele, nicht alle. Das wird gerade deutlich sichtbar.

Letzte Woche wurde dieses Thema besonders intensiv diskutiert (das war noch bevor Trump den FBI-Direktor gefeuert hat). Ausgelöst hat diese Debatte Jimmy Kimmel.



Jimmy Kimmel hat eine der bekanntesten Late Night Shows. Er war Gastgeber bei den Oscars. Er lebt in Hollywood und ist, wie alle Künstler dort, ein Demokrat.
Jimmys Frau hat vor 10 Tagen einen Sohn zur Welt gebracht. In diesem Video erzählt er - sehr emotional - davon, was kurz nach der Geburt passierte. Denn sein Sohn ist krank, schwer krank, Herzfehler-Sonderklasse. Notoperation am offenen Herzen nur einige Stunden nach der Geburt. Ein Alptraum.
Nun ist Jimmy ja mittlerweile Multimillionär (er kommt aus ärmlichen Verhältnissen) und hatte all die Versicherungen und das Geld um seinen Sohn optimal versorgen lassen zu können. Aber Jimmy Kimmel erkennt auch, dass viele Menschen sich diese Art der Versorgung in derselben Situation nicht würden leisten können, wenn Obamacare abgedreht werden würde.
Und er sagte das eben auch.
Gedanken, die so in den USA noch sehr selten artikuliert wurden.

"If your baby is going to die and it doesn't have to, it shouldn't matter how much money you make. I think that's something now, wether you are a republican or a democrat or something else; we all agree on that, right?" (zu hören ab Minute 11.28)

Der Applaus im Publikum rauschte auf und auch online und in den Nachrichten schlug dieser Monolog hohe Wellen. Aber ... eben nicht nur in die eine Richtung, denn es gibt eben auch eine andere Sichtweise.
Ich denke es war am Tag darauf, da hat dann die Abstimmung stattgefunden, die den ersten Schritt zum Fall von Obamacare darstellt. (die Sache ist, auch wenn das in den Nachrichten oft so dargestellt wird, noch lange nicht durch .. !)

Und Bill Maher, hat es dann klar ausgesprochen:
er erwähnte Jimmy in seiner Show und zitierte obige Aussage, fügte dem dann aber die Realität hinzu:
"Unfortunately, that's not true. And that need's to be said. That's not true. One side wants to tax rich people, so babies don't have to die and one side is mostly against that."
und weiter
"... people will die. And they know it. It's a price they're willing to pay. We're not all on the same page. We don't all agree!"



In den USA wird diskutiert was das Zeug hält.

Und auch Jimmy hat sich in seiner Show nochmal dazu geäußert. Denn auch er wurde reichlich angeprangert. Im Netz und auch in einigen Medien. (das Video dazu hier)


Die andere Meinung ist eben jene, dass jedes Baby Notfallsmedizin erhält  und dass es ja jedem freisteht sich das Geld für solche Fälle auf die Seite zu legen.
Es gibt erstaunlich viele Menschen in den USA, die nicht bereit sind, mit ihrem Geld, die Kosten von kranken Menschen zu übernehmen.
Dass so eine Erkrankung mit der Notoperation aber nicht gelaufen ist, sondern, dass man damit ja noch jahrelang zum Arzt rennt, das verstehen diese Leute eben unter Eigenverantwortung. (die einzig akzeptable Erklärung, die ich für diese Haltung erkenn kann)

Der erste Schritt in Richtung Abschaffung ist jetzt aber getan und, wie in den Staaten üblich, sind die Abgeordneten des Kongresses in ihre Bezirke gefahren um in den Town-Hall-Meetings ihre Wähler zu treffen um zu erklären, was da passiert und Überzeugungsarbeit zu leisten.
Ein ausnehmend harter Job, wie sich wieder mal herausstellte.
Seth Meyers zeigte eine Auswahl solcher Treffen ... das zeigt sehr schön, wie sehr da diskutiert wird. (ab Minute 3:09 - sehenswert)


Abzuwarten bleibt, wie eben jene Wähler reagieren, die am Ende ja Trump zur Präsidentschaft verholfen haben. Die Menschen im im Rust-Belt sind keine Millionäre. Sie können sich keine Versicherungen leisten. Und eben jene ehemaligen Kohlearbeiter haben mittlerweile häufig Erkrankungen, die als Vorerkrankung gelten und den Versicherungen als Vorwand gelten, sie, selbst, wenn sie das Geld hätten, nicht zu versichern.

Wieweit sich diese Menschen ihrem "Schicksal" fügen, wird sich zeigen.

Die Demokraten ihrerseits sind eindeutig der Meinung, dass sich die Republikaner damit ihr Grab schaufeln.
So haben sie, als die Abstimmung lief und die notwendigen 216 Stimmen erhielt, begonnen zu singen. "Nanananana, nananananana hey Good-bye.", schallte es durch das Haus.
Bezugnehmend auf die Midterm-Wahlen im nächsten Jahr.



Demokratie ist ein wertvolles Gut. Und zur Zeit kann man zuschauen, wie  das System der USA auf der Probe steht. Es läuft nur alles nicht so schnell ab, wie es die online-Welt gern hätte.
Aber es läuft!
Es bleibt interessant.



2 Kommentare

  1. Ja, Susanne, du hast Recht: es bleibt interessant. Unser System lässt es uns schwer vorstellen, dass man ohne ein soziales Netz überleben kann. Die Amerikaner kennen es aber eigentlich noch nicht lange anders. Ich persönlich fand die Entscheidung für Obamacare sehr gut, denn wir haben in den USA Dinge vor Obamacare erlebt, die mir oft deutlich gemacht haben, wie gut unser Krankenversicherungssystem in Deutschland ist. Einmal (vor den Obamacare-Zeiten) ist unsere Tochter heftig bei unserem USA-Aufenthalt erkrankt (hoch Fieber, Mandel- und Blasenentzündung), dass wir die Ärzte eines Centercares besuchen mussten, denn ohne Medikamente (Antibiotika) wäre die Entzündung nicht verschwunden. Vor der Untersuchung waren bereits 250 Dollar fällig, für uns kein Problem, weil wir es ohne weiteres bezahlen konnten und unsere Versicherung es auch getragen hätte. Mein Mann erzählte mir, dass kurz nach uns eine amerikanische Familie in dieses Centercare gekommen ist, die ebenfalls eine erkrankte Tochter hatten, sie sah genauso elend aus wie unsere, mit Fieber, heftigen Halsschmerzen etc.. Als sie hörten, dass eine Untersuchung 250 Dollar kostet, sind sie ohne Untersuchung wieder gegangen. Als mir mein Mann später davon erzählte, war es für mich unvorstellbar, ich hätte für meine Tochter alles möglich gemacht, damit ihr geholfen worden wäre, aber was machen, wenn kein Geld da ist? Denn auch wenn die Mentalität der US-Amerikaner an die Eigenverantwortung appeliert und damit auch jeden die Verantwortung dafür gibt, eben das Geld zu haben, wenn ein Krankheitsfall auftritt, ist das eben tatsächlich nicht immer so möglich und sobald man auch nicht nur für sich selber verantwortlich ist und z.B. die Erkrankung von Kindern dazu kommt, ist es auch in vielen Fällen wirklich Schicksal, ob sie in einer "reichen" oder "armen" Familie leben. Ich bin wirklich gespannt, inwiefern die US-Amerikaner nach der kurzen Erfahrung mit Obamacare bereit sind, derartige Kosten weiterhin als Gemeinschaft tragen zu wollen oder wieder ins alte System zurückfallen. Tendenziell "befürchte" ich eher, dass es zu einem "Rückschritt" kommen wird.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    Sandra

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    1. Ja, ich denke auch, dass es für uns Europäer nicht so verständlich ist, was da drüben abläuft. Aber es kann ja nicht schaden, sich mal ein paar Minuten damit auseinanderzusetzen.
      Es ist eben anders auf der anderen Seite vom großen Wasser!
      Ob gut oder schlecht liegt in den Augen des Betrachters.

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